Vormerken

Hausgeschichte

Vom Weinberghaus zum Waldhaus.

Schloß 24 Freyburg (Unstrut)

Unser Haus steht auf altem Burg- und Weinbergland, zwischen der Neuenburg und dem Edelacker. Gebaut wurde es für einen Weinberg, in den 1920er Jahren wurde es zum Wohnhaus. Hier erzählen wir, was Bauakte, Kataster, alte Karten und Zeitungen über diesen Ort verraten.

Das Waldhaus im Sommer, umgeben von Bäumen, vor Beginn der Sanierung
Das Waldhaus im Sommer. Vor Beginn der Arbeiten.

Wir trennen sauber zwischen dem, was für unser Haus belegt ist, und dem, was wir über seine Umgebung wissen. Wo uns noch etwas fehlt, sagen wir es dazu.

BelegtOffene Spur

1090Zwei Burgen

Zwischen zwei Burgen.

Das Haus liegt auf rund 198 Metern am Nordhang des Schlossbergs. Über ihm wacht der Dicke Wilhelm, der runde Bergfried der Neuenburg. Die Burg ließ Ludwig der Springer um 1090 anlegen; ihre Kernburg liegt gut 250 Meter südlich von uns.

Nur etwa 130 Meter nordwestlich stand eine zweite Burg, von der heute nichts mehr zu sehen ist: die Haldecke. 1225 taucht in Urkunden ein Fridericus de Haldegge auf. 1349/50 verzeichnet ein Lehnsbuch nur noch den „burgstadil Haldecke“, die Burgstelle. Ihr Name lebt im Kataster weiter: Drei Nachbargrundstücke unseres Hauses heißen bis heute „Die Halteckenberge“.

Und dann ist da die Sage vom Edelacker. Landgraf Ludwig II. soll um 1170 aufsässige Adlige vor den Pflug gespannt haben. Das Feld, das sie umpflügen mussten, gab dem Nachbarberg seinen Namen.

BelegtBurgenwelt [1] · Kataster [2] · Weinberghotel Edelacker [3]

1884Der Wald

Woher der Wald kommt.

Mehr als die Hälfte unseres Grundstücks ist heute Wald. Man könnte meinen, er sei immer da gewesen. Am Schlossberg war er es nicht.

Im Mai 1884 berichtet die Hallische Zeitung, die Regierung lasse seit mehreren Jahren die kahlen Höhen der königlichen Domäne Freyburg aufforsten. Bis dahin waren sie Weideland, für Getreide und Wein nicht zu gebrauchen. Genannt werden der Haineberg, der Schlifter, die Haldecke und: der Schlossberg.

Der Wald am Schlossberg, der unserem Haus den Namen gibt, wurde vor rund 140 Jahren gepflanzt.

Ob auf unserem eigenen Grundstück vorher Reben standen und wo genau, wissen wir noch nicht. Ein Weinberghaus, so viel ist sicher, braucht einen Weinberg in der Nähe.

BelegtHallische Zeitung, 14.05.1884 [4] · Kataster [2]

EinstDas Weinberghaus

Gebaut für einen Weinberg.

In der Bauakte von 1975 heißt unser Haus „das ehemalige Weinberghaus“. Es wurde also nicht als Wohnhaus gebaut, sondern für die Arbeit im Rebhang. Wann genau und von wem, wissen wir noch nicht.

Weinberghäuser gehörten an Saale und Unstrut zu fast jedem Weinberg: Unterstand, Gerätehaus, oft auch Ort für die Lese und für Feste. Meldungen über Einbrüche verraten, was darin stand: Betten, eine Pendeluhr, Wein, Werkzeug und Saatgut. Auch am Schlossberg gab es solche Häuser. Im Januar 1905 stahlen Diebe aus einem Weinbergshaus „in den Schloßbergen“ Handwerkszeug und Sämereien.

Zu unserem Haus passt das Bild. Das Nebengelass hat laut Bauakte einen Teil aus Naturstein und einen Vorraum, über dem einmal ein altes Ziegelgewölbe lag.

Der Hang unter uns gehörte zur alten Weinlage Schlossberg, die erst Anfang der 1990er Jahre in der heutigen Lage Edelacker aufging. Gleich unterhalb liegt der Schlifterweinberg, mit bis zu 56 Prozent Hangneigung. Zu seinem Weinberghäuschen führen 118 Sandsteinstufen hinauf, und im Grundbuch standen dort im 19. Jahrhundert die Gründer der späteren Rotkäppchen-Sektkellerei.

BelegtBauakte 1975/76 [5] · General-Anzeiger, 04.05.1898 [6] · Merseburger Korrespondent, 26.01.1905 [7] · wein.plus [8] · Pressebüro Lies [9]

1887Die Reblaus

Als die Reben starben.

1887 wird bei Freyburg die Reblaus entdeckt. Das Gebiet wird zum ersten Reblaus-Seuchengebiet Deutschlands, und der Weinbau an Saale und Unstrut bricht fast vollständig zusammen. Von einst rund tausend Hektar Reben bleiben nach einer Quelle um 1900 nur 31 übrig, nach einer anderen sind es 1919 noch rund 100.

Erst ab 1923 dürfen in Deutschland Reben auf reblausfeste amerikanische Unterlagen veredelt werden. Danach geht es langsam wieder aufwärts: Der Herzogliche Weinberg wird um 1925 neu bepflanzt, und 1934 gründen 27 Winzer die Winzervereinigung Freyburg.

Für ein Weinberghaus hieß das: Ohne Reben fehlte ihm sein Zweck. Auch unser Haus wurde in den 1920er Jahren zum Wohnhaus umgebaut. Ob das mit dem Ende des Weinbergs zusammenhängt, wissen wir nicht.

BelegtStraße der Romanik [10] · Kochwiki [11] · Winzervereinigung Freyburg [12]

1898Die Nachbarn

Ausflügler am Schlossberg.

Während die Reben starben, kamen die Ausflügler. 1898 öffnete gleich nebenan „Neidels Waldhaus“, bald darauf hieß es „Edelacker“. 1911 kaufte es der Domänenpächter Siegel, dessen Familie die Domäne Freyburg seit hundert Jahren bewirtschaftete. Er baute es zum Berghotel aus, 1914 kam ein Aussichtsturm dazu. In den 1920ern lockte das Berghotel mit erstklassiger Küche und sonntags mit Konzert und Tanz, 1928 mit einem neuen Tanzpavillon.

Der Name „Waldhaus“ hatte am Schlossberg also schon einmal Tradition. Unser Haus ist aber nicht Neidels Waldhaus: Das wurde zum Edelacker, Hausnummer 25. Wie die Familie Neidel mit unserer Familie verbunden ist, erzählen wir auf der Seite Freyburger Wurzeln.

Auch Unwetter und Feuer trafen die Nachbarschaft. Im Mai 1915 richtete ein Unwetter am Schlossberg und am Edelacker schwere Schäden an. 1930 brannten auf der Neuenburg das Zeughaus und die Lange Scheune ab.

BelegtWeinberghotel Edelacker [3] · Zeitungen 1911–1916 [13] · Museum Schloss Neuenburg [14]
Postkarte von 1920: der Edelacker mit langer Glashalle über den Weinbergen, dahinter der Dicke Wilhelm
Der Edelacker 1920, mit der langen Glashalle über den Weinbergen. Hinten der Dicke Wilhelm. Brück & Sohn Kunstverlag Meißen, CC0.

1920erDer Umbau

Aus dem Weinberghaus wird ein Wohnhaus.

Laut Bauakte wurde das Weinberghaus „in den zwanziger Jahren“ umgebaut und aufgestockt und diente danach zum Wohnen. Wer damals gebaut hat, suchen wir noch.

Der ganze Hang wurde in diesen Jahren zum Wohnort. Auf den amtlichen Karten tauchen zwischen den Ausgaben von 1919 und 1930 neue Häuser gleich östlich von uns auf, an der Straße Schloß. 1928 wurde der Gutsbezirk der Domäne Freyburg aufgelöst, zu dem die Höhen am Schlossberg gehört hatten.

Es waren unruhige Jahre. 1921 gab Freyburg eigenes Notgeld aus; darauf war die Edelacker-Sage als Scherenschnitt zu sehen. 1923 kam die Inflation.

BelegtBauakte [5] · Messtischblatt 4736 [15] · Landesarchiv Sachsen-Anhalt [16] · Weinberghotel Edelacker [3]

1975Ein Familienhaus

Fünf Jahrzehnte in guten Händen.

Spätestens Mitte der 1970er Jahre gehört das Haus einer Familie, die es rund fünf Jahrzehnte lang bewohnen und pflegen wird. 1975 beantragt sie „Werterhaltung und Ausbau“: neue Innenwände, Fenster und Türen, ein neues Dach, Entwässerung und Haustechnik. Im Nebengelass ersetzen acht lange Deckenplatten das stark beschädigte alte Ziegelgewölbe. Am 8. November 1976 wird der Umbau ohne Beanstandungen abgenommen.

Später öffnet die Familie das Haus auch für Feriengäste. Freyburg ist seit Dezember 1989 staatlich anerkannter Erholungsort, und in den Unterkunftsverzeichnissen der Region steht das Haus am Schlossberg als Ferienhaus. Hier haben also schon viele Menschen Urlaub gemacht, lange bevor wir kamen.

Man spürt an diesem Ort, dass er geliebt wurde.

Als wir das Haus 2025 übernahmen, haben wir gesehen, mit wie viel Liebe diese Familie Haus und Grundstück über all die Jahre gepflegt hat. Wir haben sie als herzliche, liebenswerte Menschen kennengelernt. Und wir können gut verstehen, wie schwer es ihnen gefallen sein muss, diesen wunderbaren Ort zurückzulassen. Dafür, dass sie ihn uns anvertraut haben, sind wir ihnen von Herzen dankbar.

Uns geht es mit diesem Ort nicht anders. Wir lieben die Natur, und dieses Grundstück ist ein Kleinod: der Wald im Rücken, die Wiese vor der Tür, über uns der Dicke Wilhelm, unten das Tal der Unstrut. Wir wollen gut darauf aufpassen und es mit allen teilen, die hier zur Ruhe kommen möchten.

BelegtBauakte 1975/76 [5] · Unterkunftsverzeichnisse der Region [17] · Freyburg (Unstrut) [18]

2025Neuanfang

Aus Alt wird Auszeit.

Seit 2025 bauen wir das Haus zum Ferienhaus um. Bei der Sanierung kamen alte Backsteinwände und Holzbalken zum Vorschein. Sie bleiben sichtbar, als Teil seiner Geschichte.

  1. Weinberghausgebaut für die Arbeit im Rebhang
  2. Wohnhausumgebaut in den 1920ern
  3. Familienhausfünf Jahrzehnte, später auch für Feriengäste
  4. Waldhausein Ferienhaus für gemeinsame Tage

Damit geht weiter, was dieser Hang seit mehr als hundert Jahren ist: ein Ort, zu dem man aus der Stadt hinaufsteigt, um auf Burg, Fluss und Reben zu schauen.

Das Waldhaus im Oktober 2026 während der Sanierung, hinten rechts der Dicke Wilhelm
Oktober 2026: Rückbau am Anbau. Hinten rechts schaut der Dicke Wilhelm herüber.
Aufenthalt vormerkenSo wird das Haus

Auf einen Blick

Der Schlossberg in Jahreszahlen.

Hervorgehoben sind die Stationen, die direkt zu unserem Haus belegt sind.

  1. um 1090Ludwig der Springer lässt die Neuenburg anlegen.
  2. 1225Erste Nennung der Burg Haldecke nebenan: ein Fridericus de Haldegge.
  3. 1349/50Von der Haldecke ist nur noch die Burgstelle übrig.
  4. 1884Die Zeitung meldet: Die kahlen Höhen am Schlossberg werden aufgeforstet.
  5. 1887Die Reblaus erreicht Freyburg.
  6. 1898Nebenan öffnet „Neidels Waldhaus“, später der Edelacker.
  7. 1911Domänenpächter Siegel kauft den Edelacker und baut ihn zum Berghotel aus.
  8. 1914Auf dem Edelacker steht ein Aussichtsturm.
  9. 1920erUnser Weinberghaus wird umgebaut und aufgestockt.
  10. 1923Veredelte, reblausfeste Reben werden erlaubt.
  11. 1928Der Gutsbezirk der Domäne Freyburg wird aufgelöst.
  12. 1975/76Werterhaltung und Ausbau, abgenommen am 8. November 1976.
  13. 1989Freyburg wird staatlich anerkannter Erholungsort.
  14. späterDas Haus empfängt auch Feriengäste.
  15. 2025Neuanfang als Waldhaus Freyburg.

Spurensuche

Was wir noch suchen.

Drei Fragen fehlen unserer Geschichte noch. Die Antworten liegen wahrscheinlich in Archiven, die wir nach und nach durchsehen.

Offene Spur

Wer hat das Weinberghaus gebaut?

Das alte Grundbuch zu unserem Flurstück und ein Verzeichnis der Freyburger Weinberge von 1930 bis 1948 im Landesarchiv sollten die frühen Eigentümer nennen.

Offene Spur

Wer hat es in den 1920ern umgebaut?

Die Bauakten dieser Zeit liegen vermutlich im Kreisarchiv oder im Stadtarchiv. Und das Adressbuch von 1949/50 könnte zeigen, wer nach dem Krieg am Schlossberg wohnte.

Offene Spur · bis 1928

Sind wir auf diesem Luftbild?

Eine Luftbildkarte der Junkerswerke zeigt zwischen der Vorburg der Neuenburg und dem Edelacker ein helles Haus mit dunklem Dach. Ob das unser Haus ist, prüfen wir vor Ort mit der Blickrichtung. Karte ansehen ↗

Habt ihr alte Fotos vom Schlossberg?

Postkarten, Familienfotos, Erinnerungen an das Weinberghaus oder an den Hang unter der Neuenburg: Wir freuen uns über jeden Hinweis und nennen euch gern als Quelle.

Quellen

  1. Burgenwelt: Burg Haldecke. Zur Neuenburg: Schloss Neuenburg (Wikipedia).
  2. Amtliches Liegenschaftskataster (ALKIS), Flurstück 62/13 und Nachbarflurstücke, Gemarkung Freyburg. © GeoBasis-DE / LVermGeo ST, dl-de/by-2-0.
  3. Weinberghotel Edelacker: Hotel-Historie.
  4. Hallische Zeitung, 14. Mai 1884, Aufforstung der Domänenhöhen. Deutsches Zeitungsportal.
  5. Bauakte zu Werterhaltung und Ausbau, 1975/76, Abnahme 8. November 1976. Unterlagen zum Haus.
  6. General-Anzeiger, 4. Mai 1898, Einbruch in ein Freyburger Weinbergshaus. Deutsches Zeitungsportal.
  7. Merseburger Korrespondent, 26. Januar 1905. Deutsches Zeitungsportal.
  8. wein.plus: Lage Edelacker.
  9. Pressebüro Lies: Schlifterweinberg.
  10. Straße der Romanik: Fleißige Mönche und tückische Läuse.
  11. Kochwiki: Weinbaugebiet Saale-Unstrut.
  12. Winzervereinigung Freyburg-Unstrut: Porträt. Herzoglicher Weinberg: museum-digital.
  13. Hallesche Zeitung, 16. Juni 1911, 27. Juni 1911 und 6. Juli 1916; Saale-Zeitung, 19. Mai 1914; Merseburger Korrespondent, 13. Mai 1915.
  14. Museum Schloss Neuenburg bei museum-digital: Junkers-Luftbild, bis 1928, Berghotel Edelacker, Tanzpavillon 1928, Fliegeraufnahme bis 1930. Nur verlinkt.
  15. Messtischblatt 4736 Freyburg, Ausgaben 1905, 1919, 1930 und 1943. Deutsche Fotothek, SLUB Kartenforum.
  16. Landesarchiv Sachsen-Anhalt, C 50 Querfurt Nr. 1637: Auflösung des Gutsbezirks Freyburg (Domäne), 1928.
  17. Regionale Unterkunftsverzeichnisse.
  18. Freyburg (Unstrut), Wikipedia.

Bildnachweise: Postkarte Edelacker 1920: Brück & Sohn Kunstverlag Meißen, CC0, via Wikimedia Commons. Fotos des Hauses: eigene Aufnahmen. Zeitungsfunde stammen aus den Digitalisaten des Deutschen Zeitungsportals.